Was glaubt jemand, der nicht glaubt?



Diese Frage wird häu­fig gestellt, auch weil man­che Gläubige sich nicht vor­stel­len kön­nen, wie es ist, an “Nichts” zu glau­ben. Der Autor die­ses Essays, Prof. Dr. Uwe Lehnert ist eme­ri­tier­ter Professor für Bildungsinformatik der Freien Universität Berlin. Er ist Verfasser des Buches „Warum ich kein Christ sein will – Mein Weg vom christ­li­chen Glauben zu einer natu­ra­lis­tisch-huma­nis­ti­schen Weltanschauung“, Tectum-Verlag, 2015, 6. Auflage.


Was Christen oder Muslime glau­ben, das ist in gro­ben Zügen so ziem­lich jedem geläu­fig. Dagegen ist in der Öffentlichkeit so gut wie nichts dar­über bekannt, was kon­fes­si­ons­freie Menschen den­ken und für “glaub­wür­dig” hal­ten. Das ist eigent­lich erstaun­lich, bil­den sie doch in Deutschland mehr als ein Drittel der Bevölkerung, in Berlin zum Beispiel stel­len sie die über­gro­ße Mehrheit dar.

Eine reprä­sen­ta­ti­ve Befragung des Meinungsforschungsinstitut Emnid im Frühjahr 2016 ergab für Berlin, dass sich 61 Prozent der Berliner als kon­fes­si­ons­frei, 21 Prozent als evan­ge­lisch und 9 Prozent als Mitglied der katho­li­schen Kirche bezeich­ne­ten. In den rest­li­chen 9 Prozent sind Muslime, Juden und ca. 50 wei­te­re Religionsgemeinschaften ent­hal­ten.

Konfessionsfreie ver­tre­ten mehr­heit­lich eine Weltanschauung, die sich bewusst von Religion und einem über Allem ste­hen­den Gott abgrenzt. Eine Minderheit unter ihnen ist zwar aus der Kirche aus­ge­tre­ten, betrach­tet sich aber oft noch in irgend­ei­ner Weise als reli­gi­ös.

Nichtreligiöse Menschen gibt es offiziell faktisch nicht

Rundfunk und Fernsehen hal­ten sich vor­nehm zurück, wenn es um die Darstellung des Denkens und Handelns nicht­re­li­giö­ser Menschen in Deutschland geht. Dabei ist in allen Staatsverträgen, die zwi­schen jedem Bundesland und den jewei­li­gen Rundfunk- und Fernsehanstalten geschlos­sen wur­den, aus­drück­lich fest­ge­schrie­ben, dass die­se über alle rele­van­ten gesell­schaft­li­chen Gruppierungen und über alle rele­van­ten gesell­schaft­li­chen Ansichten und Meinungen ange­mes­sen zu berich­ten hät­ten. Aber ledig­lich die “staats­tra­gen­den” Religionen haben Vertreter in den Medienräten. Und von denen ver­fü­gen fast nur die christ­li­chen Kirchen über eige­ne Redaktionen und fes­te Sendezeiten. Diese besit­zen somit trotz aller behaup­te­ten Trennung von Staat und Religion ein staat­lich gewähr­tes Privileg.

Bei den Tages- und Wochenzeitungen sieht es ähn­lich aus. Weltanschauliche Fragen, die um die Themen welt­li­cher Humanismus, Religionskritik, gar Atheismus krei­sen, schei­nen gera­de­zu tabu zu sein. Angesichts der Vielzahl von reli­gi­ons- und kir­chen­kri­ti­schen Büchern – sie­he bei den Internet-Buchversendern, nicht in den Buchhandlungen! – ist es auf­fäl­lig, dass sol­che Literatur prak­tisch nie in den Kultur- und Literaturteilen der Druckmedien erwähnt wird. Ausnahmen bil­den allen­falls mal ein Buch eines hoch­re­nom­mier­te Autors wie Richard Dawkins (“Der Gotteswahn”) oder ein Interview mit dem säku­la­ren Humanisten Michael Schmidt-Salomon.

Religiöse und die Kirchen betref­fen­de Fragen wer­den täg­lich, aus­führ­lich und wie selbst­ver­ständ­lich in Funk und Presse the­ma­ti­siert. Konfessionsfreie Menschen erhe­ben den Anspruch, mit eben sol­cher Selbstverständlichkeit welt­an­schau­li­che Alternativen zur Religion und Themen, die sich kri­tisch bis ableh­nend mit Religion befas­sen, öffent­lich zu dis­ku­tie­ren. Immerhin betref­fen sol­che Themen mehr als ein Drittel der deut­schen Bürger, in den Großstädten mit ihren viel­fäl­ti­gen Bildungsangeboten sogar die Mehrheit. Haben nicht Rundfunk und Fernsehen, aber natür­lich auch die Druckmedien, gera­de­zu den – selbst auf­er­leg­ten – Auftrag, über alles, was von gesell­schaft­li­cher Bedeutung ist, zu berich­ten? Das Bundesverfassungsgericht hat in sei­nem Urteil vom 25. März 2014 zum ZDF-Staatsvertrag aus­ge­führt: “Neben gro­ßen, das öffent­li­che Leben bestim­men­den Verbänden müs­sen unter­ein­an­der wech­selnd auch klei­ne­re Gruppierungen, die nicht ohne wei­te­res Medienzugang haben, und auch nicht kohä­rent orga­ni­sier­te Perspektiven (in den Aufsichtsgremien; U.L.) abge­bil­det wer­den.” Die Ausführungen bezo­gen sich zwar auf die Ausgestaltung des ZDF-Staatsvertrags, bil­den aber erkenn­bar eine Aussage von all­ge­mei­ne­rer Bedeutung.

Als ent­schul­di­gen­des Argument wird regel­mä­ßig vor­ge­tra­gen, dass die Konfessionsfreien nicht reprä­sen­ta­tiv orga­ni­siert sei­en, kei­nen Ansprechpartner hät­ten und von daher als qua­si nicht vor­han­den erschei­nen. Abgesehen davon, dass Unorganisiertheit kein Argument sein kann für die Missachtung des Rechts auf media­le Berücksichtigung rele­van­ter Bevölkerungsgruppen. In die­ser Pauschalität trifft das Argument der nicht exis­tie­ren­den Ansprechpartner ohne­hin nicht zu. KORSO ist ein Verbund von acht bun­des­wei­ten und eini­gen wei­te­ren regio­na­len säku­la­ren Organisationen, in denen kon­fes­si­ons­freie Menschen sich zusam­men­ge­schlos­sen haben. Eine die­ser bun­des­weit agie­ren­den Organisationen, in der sich nicht­re­li­giö­se Menschen zusam­men­ge­fun­den haben, ist zum Beispiel der Humanistische Verband Deutschland (HVD). Der HVD ist in Berlin Träger von über 60 sozia­len, kul­tu­rel­len und päd­ago­gi­schen Projekten und Einrichtungen. Er hat in Berlin etwa 12000 Mitglieder und rund 1.000 haupt­amt­li­che und über 750 ehren­amt­li­che Mitarbeiter. Er unter­stützt – ver­gleich­bar den Kirchen – Menschen in allen Lebensphasen: von der Schwangerschaft, fei­er­li­chen Namensgebung, über die Kindererziehung, Jugendweihe, Jugend- und Bildungsarbeit, bis hin zur Sozialarbeit, Altenpflege und Sterbebegleitung. Derzeit erhal­ten ca. 60 000 Schüler und Schülerinnen durch Lehrer des Humanistischen Verbandes huma­nis­ti­schen Lebenskundeunterricht, ein fakul­ta­ti­ver Weltanschauungsunterricht statt der bis­her übli­chen reli­giö­sen Unterweisung.

Humanistische Vorstellungen sind überraschend weit verbreitet

Über sol­che umfang­rei­chen Aktivitäten eines betont nicht­re­li­giö­sen Verbands wenigs­tens gele­gent­lich zu berich­ten, soll­te für die Rundfunkhörer, Fernsehzuschauer oder Zeitungsleser nicht inter­es­sant sein? Wo doch selbst neben­säch­li­ches kirch­li­ches Geschehen oder nur mäßig inter­es­san­te Äußerungen ihrer Repräsentanten stets Eingang in unse­re Medien fin­den. Bei rund 3 Mill. Berliner Bürgern über 14 Jahre wären das bei etwa 60 Prozent Konfessionsfreien etwa 1,8 Mill. poten­ti­el­le Interessenten. Das ein­zi­ge Presseorgan Deutschlands, das regel­mä­ßig und umfas­send Nachrichten und Kommentare zu aktu­el­len Ereignissen bringt, die die deut­sche und inter­na­tio­na­le huma­nis­ti­sche Szene betref­fen, ist der Humanistische Pressedienst (hpd.de). Mit mehr als 5.000 Klicks pro Tag und mehr als 2 Millionen Seitenaufrufen im Jahr ist die­ses Internetportal das wich­tigs­te Online-Medium zu frei­geis­tig-huma­nis­ti­schen Themen im deutsch­spra­chi­gen Raum.

Themen wie säkularer Humanismus, Leben ohne Gott, der problematische politische Einfluss der Kirchen, Trennung von Kirche und Staat, Sterbehilfe aus humanistischer Sicht u.v.a.m. werden in der deutschen Medienlandschaft weitgehend gemieden.”

Leider zeigt sich auch hier, dass Presse, Rundfunk und Fernsehen Nachrichten aus der säku­la­ren Welt dort offen­bar auch nur sehr zurück­hal­tend, wenn über­haupt abru­fen. Themen wie säku­la­rer Humanismus, Leben ohne Gott, der pro­ble­ma­ti­sche poli­ti­sche Einfluss der Kirchen, Trennung von Kirche und Staat, Sterbehilfe aus huma­nis­ti­scher Sicht u.v.a.m. wer­den in der deut­schen Medienlandschaft weit­ge­hend gemie­den. Die Behandlung sol­cher Themen wür­de deut­lich machen, dass es eine leben­di­ge und akti­ve huma­nis­ti­sche Szene in Deutschland gibt. Das ist poli­tisch augen­schein­lich uner­wünscht. Daher ist es ver­ständ­lich, dass in oben erwähn­ter Emnid-Befragung 54 Prozent der inter­view­ten Berliner sich durch die Medien und die Politik nicht aus­rei­chend über die gro­ße Gruppe der Konfessionsfreien infor­miert füh­len.

Seit 2016 haben in Berlin Schüler mit huma­nis­ti­scher Lebensauffassung am 21. Juni, dem Welthumanistentag, Anspruch auf einen schul­frei­en Tag. Bischof Markus Dröge war pikiert und emp­fand die­se Gleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die übri­gens im Grundgesetz fest­ge­schrie­ben ist, als “Entwertung des christ­li­chen Glaubens”. Welcher anma­ßen­de Anspruch sei­tens einer reli­giö­sen Lehre, die in die­ser Stadt nur schein­bar noch 30 Prozent ihrer Bürger ver­tritt, steckt in die­ser Aussage!

Dass die Mitgliedschaft in der Kirche in sehr vie­len Fällen nur noch ein for­ma­le ist, geht eben­falls aus obi­ger Umfrage her­vor. Diese reprä­sen­ta­ti­ve Studie erbrach­te hin­sicht­lich der Einstellung auch der kirch­lich orga­ni­sier­ten Bürger höchst bemer­kens­wer­te Einsichten und ließ erken­nen, wie wenig lebens­be­stim­mend christ­li­che Auffassungen selbst bei Kirchenmitgliedern noch sind. Eine der zu beant­wor­ten­den Aussagen lau­te­te: “Ich füh­re ein selbst­be­stimm­tes Leben, das auf ethi­schen und mora­li­schen Grundüberzeugungen beruht und frei ist von Religion und Glauben an einen Gott.” Überwältigende 74 Prozent der befrag­ten Berliner stimm­ten mit einer sol­chen huma­nis­ti­schen Lebensauffassung über­ein.

85 Prozent der Konfessionsfreien stimm­ten die­ser Aussage zu, aber auch 57 Prozent der Katholiken und 64 Prozent der Protestanten äußer­ten, ein Leben “frei von Religion und Glauben an einen Gott” zu füh­ren! Und sicher wird für vie­le gläu­bi­ge Leser ein wei­te­res Ergebnis der Umfrage als irri­tie­rend emp­fun­den, dass näm­lich mit stei­gen­dem Bildungsgrad die Zustimmung zu huma­nis­tisch-säku­la­ren Lebensauffassungen wächst, das heißt, zu reli­giö­sen Ansichten abnimmt. Ein Phänomen, das von allen gro­ßen Städten in Deutschland bekannt ist.

Ein säkularer Humanist “glaubt” nicht

Was heu­ti­ge Humanisten den­ken, von wel­chen Wertvorstellungen sie aus­ge­hen, ist beson­ders unter Gläubigen weit­hin unbe­kannt. Allenfalls asso­zi­iert man die Ablehnung von Religion und die Verneinung der Existenz eines Gottes. Verbunden sind die­se Auffassungen oft mit der Unterstellung, dass reli­gi­ons­lo­se, erst recht athe­is­tisch ein­ge­stell­te Menschen kei­ne Moral ken­nen wür­den, da sie sich kei­ner gött­li­chen Macht gegen­über ver­pflich­tet füh­len. Offenbar gehen die­se gläu­bi­gen Menschen davon aus, dass mora­li­sche Prinzipien, die unser Tun und Unterlassen regeln, nur in Gott ver­an­kert sein könn­ten. Tatsächlich kann die noch jun­ge Soziobiologie zei­gen, dass auch Moral sich evo­lu­tio­när ent­wi­ckelt hat. Denn wie anders ist es zum Beispiel zu erklä­ren, dass die Kernsätze der Zehn Gebote welt­weit ver­brei­tet sind, unab­hän­gig von jeder Religion und Gottesvorstellung. Aber auch Menschen kön­nen Normen des Verhaltens ver­ein­ba­ren und auf deren Einhaltung drin­gen, wie etwa die “Amerikanische Unabhängigkeitserklärung” oder die “Allgemeine Erklärung der Menschenrechte” zei­gen.

Was heutige Humanisten denken, von welchen Wertvorstellungen sie ausgehen, ist besonders unter Gläubigen weithin unbekannt.”

Der Mensch kann sich also sei­ne ethi­schen Normen und Regeln selbst geben. Die Missbilligung von kirch­li­cher Seite an der angeb­li­chen Selbstherrlichkeit des Menschen lau­tet, dass “eine sol­che Ethik sich nur noch an den tat­säch­li­chen oder mut­maß­li­chen Interessen ori­en­tie­re, die ein Mensch habe”. Von einem Humanisten wür­de das nicht als Kritik auf­ge­fasst wer­den. Eher als Bestätigung des Grundsatzes, dass der Mensch – immer mit Blick auf die Verantwortung auch für den ande­ren – das Maß der Dinge sei und nicht eine in sog. hei­li­gen Schriften beschrie­be­ne gött­li­che Wesenheit.

Der sich in den letz­ten Jahrzehnten her­aus­ge­bil­de­te sog. Neue Humanismus ver­steht sich somit als eine welt­li­che Alternative zur Religion, als eine Weltsicht, die ohne Götter, Propheten und Priester aus­kommt, kein angeb­lich von einem Gott dik­tier­tes hei­li­ges Buch und kei­ne Dogmen kennt, das Wissen über die Welt und den Menschen vor allem aus den Naturwissenschaften gewinnt, sich von über­kom­me­nen, meta­phy­si­schen Moralvorstellungen gelöst hat, statt­des­sen ethi­sche Normen an den fun­da­men­ta­len Bedürfnissen und Interessen der Menschen ori­en­tiert. Es ist des­halb der oft geäu­ßer­ten Meinung zu wider­spre­chen, dass der welt­li­che Humanismus bezie­hungs­wei­se der Atheismus auch eine Form des Glaubens sei, mit­un­ter wird sogar von einem »reli­giö­sen Atheismus« gespro­chen. Wenn zum Wesen einer Religion die Annahme einer gött­li­chen bezie­hungs­wei­se tran­szen­den­ten Macht gehört, die in irgend­ei­ner Weise auf mein Leben Einfluss nimmt, dann ist es unsin­nig und unlo­gisch, auch dem welt­li­chen Humanismus oder dem Atheismus reli­giö­se Züge zuzu­spre­chen oder die­sen als einen “Glauben” zu bezeich­nen. Der welt­li­che Humanismus ist ein strikt dies­seits­ori­en­tier­tes Lebenskonzept ohne jeden tran­szen­den­ten Bezug.

Die drei Säulen einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung

Dieser “Neue Humanismus” besteht ver­ein­facht gesagt aus drei Komponenten: Einem natu­ra­lis­ti­schen Weltbild, einem säku­la­ren Wertesystem und einer strik­ten Diesseitsorientierung. Für mich per­sön­lich wür­de ich mein huma­nis­ti­sches Bekenntnis wie folgt beschrei­ben, und ich den­ke, dass sich sehr vie­le mei­ner huma­nis­ti­schen Freunde die­ser Sicht anschlie­ßen kön­nen.

Erstens: Ich betrach­te das, was die heu­ti­gen Naturwissenschaften als der­zeit gesi­cher­te Erkenntnis anse­hen, für mich zunächst ein­mal als maß­ge­bend und als Basis für alle wei­te­ren Überlegungen. Vor allem ist es die ratio­na­le, logi­sche und sys­te­ma­ti­sche Denkweise der heu­ti­gen Naturwissenschaften und ihre empi­ri­sche Verankerung, die ich mir zum Vorbild genom­men habe. Ich bin höchst skep­tisch allem gegen­über, was für sich Gültigkeit, ja Wahrheit bean­sprucht, ohne dafür wenigs­tens plau­si­ble Gründe ange­ben zu kön­nen. Dennoch ist nicht zu bestrei­ten, dass Wissenschaft heu­te noch vie­les nicht erklä­ren kann, und dass unser Wissen begrenzt und viel­leicht nie­mals voll­stän­dig sein wird.

Zweitens: Ein säku­la­res Wertesystem kennt statt einer gött­lich gestif­te­ten Moral eine ver­nunft­ba­sier­te Ethik. Ein sol­ches säku­la­res Wertesystem ori­en­tiert sei­ne Normen und Regeln an den fun­da­men­ta­len Bedürfnissen und Interessen der Menschen. Der Mensch ist also das Maß der Dinge, nicht eine behaup­te­te, nicht erkenn­ba­re Instanz über uns. Dieses säku­la­re Wertesystem drückt sich aus in huma­nis­ti­schen Grundsätzen und all­ge­mein aner­kann­ten Menschenrechten wie Selbstbestimmung, Gleichheit und Freiheit der Menschen, Solidarität und sozia­le Gerechtigkeit, Toleranz gegen­über ande­ren Weltanschauungen.

Im Zentrum mei­nes huma­nis­ti­schen Konzepts steht jeden­falls die Aussage, die in den Ohren vie­ler Menschen wie eine Provokation klin­gen mag, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei. Dabei bin ich mir sehr wohl bewusst, dass der blo­ße Austausch von Instanzen noch kei­ne Garantie für eine bes­se­re Lösung dar­stellt. Aber nicht ein­zel­ne Menschen sol­len hier über grund­le­gen­de Normen und pro­ble­ma­ti­sche ethi­sche Fragen ent­schei­den, son­dern mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren­de Menschen, die auf­grund von Sachverstand, Lebenserfahrung und Folgenabschätzung wägen und urtei­len. Insofern hät­ten Ethik-Kommissionen ihre Berechtigung, wenn sie denn tat­säch­lich ein Spiegelbild der mora­lisch-ethi­schen bzw. welt­an­schau­li­chen Auffassungen der Bürger und nicht ein­sei­tig kirch­lich-reli­gi­ös domi­niert wären.

Da Menschen natur­ge­mäß unter­schied­li­che Bedürfnisse und Interessen haben, soll­te das Prinzip des fai­ren Interessenausgleichs gel­ten. Unterschiedliche Interessen müs­sen nach dem Fairnessprinzip aus­ge­han­delt wer­den. Das bedeu­tet, dass man sich um des gesell­schaft­li­chen Friedens wil­len immer zu fra­gen hat: Was ist glei­cher­ma­ßen gut und akzep­ta­bel für alle betei­lig­ten Seiten.

Und drit­tens: Meine strik­te Diesseitsorientierung basiert auf der Einsicht, dass ich – höchst­wahr­schein­lich – nur die­ses eine Leben habe. Folglich soll­te ich ver­su­chen, das Bestmögliche aus mei­nem Leben zu machen. Dieses Streben nach Erfüllung mei­nes Lebens muss aber immer auch den Mitmenschen im Blick haben, der eben­so glück­lich wer­den will. Deshalb gelingt ein erfüll­tes Leben am bes­ten dadurch, dass man sich gesell­schaft­lich enga­giert, sei es im poli­ti­schen, im huma­ni­tä­ren, viel­leicht im künst­le­ri­schen Bereich. Und schließ­lich: Wer sich bemüht hat und wem es gelun­gen ist, auf ein erfüll­tes, glück­li­ches Leben zurück­bli­cken zu kön­nen, dem wird es leich­ter fal­len, von die­ser Lebensbühne wie­der abzu­tre­ten.

Aber es gibt noch einen Punkt, den ich hier anspre­chen will. Einer natu­ra­lis­ti­schen Weltanschauung wird gern “emo­tio­na­le Armut” vor­ge­wor­fen, eine “redu­zier­te Wirklichkeitswahrnehmung” oder “Blindheit gegen­über den see­li­schen Bedürfnissen eines Menschen, der sich in exis­ten­ti­el­ler Not befin­det”. Diese Vorwürfe sind nicht ganz unbe­rech­tigt. Denn wer die Religionen ablehnt und auch die Idee eines Jenseits ver­wirft, mei­det daher meist Gedanken über Themen, die über uns hin­aus­wei­sen, Fragen, die gewis­ser­ma­ßen die letz­ten Dinge betref­fen. Denn Nichtgläubige haben die Sorge, wie gehabt, wie­der in irra­tio­na­les oder eso­te­ri­sches Fahrwasser zu gera­ten.

Dennoch beschäf­ti­gen auch Nichtgläubige Fragen, die jen­seits der ratio­na­len Bewältigung des Alltags lie­gen. Auch Nichtgläubige den­ken über den Urgrund allen Seins nach, über die Unbegreiflichkeit der Realität, und ken­nen Gefühle des Einssein mit der Natur. Solche Themen spre­chen eine – wie man sagen könn­te – spi­ri­tu­el­le Dimension an. Das Thema Spiritualität wird jeden­falls von vie­len Nichtgläubigen inzwi­schen, wenn auch mit gro­ßer Zurückhaltung, als eine das Dasein berei­chern­de Dimension wahr­ge­nom­men. Bei dem Gedanken an die Endlichkeit der eige­nen Existenz aller­dings bie­tet für einen Nichtgläubigen die Verheißung auf ein Weiterleben im Jenseits kei­nen Trost. Zu offen­kun­dig ist für ihn die­ses reli­giö­se Versprechen Wunschdenken, eine blo­ße Illusion.

Selbstbestimmung ist ein grundlegendes Menschenrecht

Das Selbstbestimmungsrecht ist ein Menschenrecht und hat damit Verfassungsrang. Art. 2, Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1, Abs. 1 GG garan­tiert jedem Menschen das Recht auf die “freie Entfaltung sei­ner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte ande­rer ver­letzt und nicht gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ordnung oder das Sittengesetz ver­stößt”. Die sog. Präimplantationsdiagnostik und die Sterbehilfe sind zwei Themen, an denen bei­spiel­haft der Unterschied zwi­schen einer christ­lich-reli­giö­sen und säku­lar-huma­nis­ti­schen Auffassung im Zusammenhang mit dem Recht auf Selbstbestimmung deut­lich gemacht wer­den kann.

Unter der Präimplantationsdiagnostik (kurz: PID) ver­steht man die Untersuchung von Embryonen, die im Reagenzglas erzeugt wur­den, auf erb­lich beding­te Schäden vor ihrer Implantation in die Gebärmutter. Meist han­delt es sich dabei um Eltern, die das gene­ti­sche Risiko in sich tra­gen, ein schwer­be­hin­der­tes Kind zu zeu­gen. Wird ein schwer­wie­gen­der Gendefekt bei dem nur drei Tage alten, 11000 mm gro­ßen Embryo in des­sen 6- bis 8-Zell-Stadium erkannt, wird die­ser Embryo dann nicht implan­tiert, also aus­sor­tiert, und ein nicht defek­ter aus­ge­wählt. Kritiker der PID aus dem christ­lich-reli­giö­sen Lager sehen in die­sem Ausleseverfahren die Zerstörung von mensch­li­chem Leben, da – so wird argu­men­tiert – ein Embryo bereits die Anlage zu einem voll­stän­di­gen Menschen in sich tra­ge. Die “Heiligkeit des Lebens”, die “Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott” und die “Beseeltheit schon des Embryos” ver­bie­ten das Absterbenlassen von Embryonen, auch wenn sie schwe­re Erbschäden erken­nen las­sen. Die PID ist zwar nicht ver­bo­ten, aber mit hohen Hürden ver­se­hen, die eine Inanspruchnahme sehr erschwe­ren.

In beiden … Fällen wird das grundgesetzlich garantierte Recht auf Selbstbestimmung über das eigene Leben und den eigenen Körper massiv missachtet.”

Eine ähn­li­che Problematik zeigt die sog. Sterbehilfe für Menschen mit unheil­ba­rer Krankheit und uner­träg­li­chen Schmerzen, die selbst den fes­ten Wunsch nach Erlösung von ihrem Leiden äußern. Die bis­her erlaub­te Hilfe eines Arztes beim selbst gewünsch­ten Freitod ist inzwi­schen durch den Gesetzgeber fak­tisch unter Strafe gestellt wor­den. Dahinter steht eben­falls die christ­lich-reli­giö­se Auffassung, dass “das eige­ne Leben unver­füg­bar sei”, “allein Gott ent­schei­de, wann das Leben endet” und “als Geschenk Gottes unter kei­nen Umständen ange­tas­tet wer­den dür­fe”.

In bei­den genann­ten Fällen wird das grund­ge­setz­lich garan­tier­te Recht auf Selbstbestimmung über das eige­ne Leben und den eige­nen Körper mas­siv miss­ach­tet. Als erklär­ter Nichtchrist akzep­tie­re ich nicht, dass der Staat mir das grund­ge­setz­lich garan­tier­te Selbstbestimmungsrecht so weit­ge­hend beschnei­det. In einem demo­kra­ti­schen Staat, der vor­gibt, welt­an­schau­lich neu­tral zu sein, muss es mög­lich sein, unab­hän­gig von reli­giö­ser Bevormundung zu leben und auch zu ster­ben. Immerhin haben inzwi­schen Gerichte bis hin­auf zum Bundesgerichtshof das Selbstbestimmungsrecht am Lebensende immer wie­der bestä­tigt.

Bei allem Protest von kirch­li­cher Seite an den Initiativen nicht­re­li­giö­ser Kreise ist fest­zu­hal­ten, dass kein Christ gezwun­gen ist, sich der libe­ra­le­ren Auffassung eines Nichtchristen zur Sterbehilfe anzu­schlie­ßen. Für einen wah­ren und über­zeug­ten Christen müss­ten staat­li­che Gesetze zur Sterbehilfe, zum Schwangerschaftsabbruch oder etwa zur Präimplantationsdiagnostik über­flüs­sig sein, denn es müss­te ihm ja ein gern erfüll­tes Anliegen sein, Gottes Gebote, wie sie die Kirche für ihn fest­legt, zu befol­gen. Dass es dafür staat­li­che Gesetze gibt, die auch für den Nichtchristen gel­ten, der in die­sen Fragen even­tu­ell eine ande­re, eben­so zu ach­ten­de Auffassung hat, ist dem immer noch vor­han­de­nen kirch­li­chen Streben nach Herrschaft “über die Seelen” geschul­det.

Dieses Streben nach Macht und Einfluss mani­fes­tiert sich in gesell­schaft­li­chen Strukturen (z.B. im Erziehungswesen), wirkt unbe­wusst als tra­dier­tes Wertesystem noch in den Köpfen selbst Glaubensferner und zeigt sich zum Beispiel in einem kirch­lich-staat­li­chen Machtdenken, das stets mehr durch Verbieten als durch Vorleben und Überzeugen gekenn­zeich­net war. Diese aus dem Glauben fol­gen­den straf­be­wehr­ten Verbote las­sen einer­seits erken­nen, dass die Kirche ihrer eige­nen Klientel nicht traut, ande­rer­seits sich anmaßt, auch allen Nichtgläubigen auf dem Umweg über staat­li­che Gesetze ihre Glaubensauffassung auf­zu­zwin­gen.

Wer sich bei medi­zi­nisch-ethi­schen Fragen auf ein Menschenbild beruft, das sei­ne Wurzeln in den Jahrtausende alten Legenden eines einst in der Wüste leben­den Hirtenvolkes hat, wird in immer grö­ße­re Abwehrkämpfe gera­ten und sein Heil letzt­lich immer nur in Verboten und mehr oder weni­ger will­kür­li­chen Einschränkungen sehen. Ausschlaggebende und hilf­rei­che Argumente in sol­chen Entscheidungssituationen sind für mich die Antworten auf die Leitfragen: Wem nützt es? Wem scha­det es? Wie kann Wohlbefinden, Gesundheit, Glück ver­mehrt, wie kann Leid ver­hin­dert wer­den? Warum einem schwer­be­hin­der­ten, zukünf­tig lebens­lang lei­den­den Menschen nicht schon vor sei­ner Geburt die Gnade der Nichtexistenz gewäh­ren? Ist es mit christ­li­cher Barmherzigkeit zu ver­ein­ba­ren, einen schwerst­lei­den­den Menschen der Folter unsäg­li­cher, nicht zu stil­len­der Schmerzen bis zum natür­li­chen Tod aus­zu­lie­fern?

Ich sehe das Leben mit gedank­lich erzeug­ten reli­giö­sen Konstrukten, die das Verhalten der Menschen len­ken, als eine – einst ver­mut­lich vor­teil­haf­te – evo­lu­tio­nä­re Phase der Menschheit an, die lang­sam abge­löst wird durch eine evo­lu­tio­när sich wei­ter ent­wi­ckeln­de Wissenschaft und Philosophie vom Menschen. Am Horizont zeich­nen sich Lebenskonzepte ab, die ohne einen ima­gi­nier­ten Übervater aus­kom­men und die sich auf die im Menschen schlum­mern­den Kräfte besin­nen. Trotz des augen­blick­lich zu beob­ach­ten­den Rückfalls in die alten Illusionssysteme – was als ein letz­tes Aufbäumen eines alten Denkens zu inter­pre­tie­ren ist – dürf­te fest­ste­hen, dass die Zeit die­ser alten Glaubenssysteme sich dem Ende zuneigt. Dennoch muss wohl mit einem noch vie­le Jahrzehnte dau­ern­den Kampf zwi­schen Vernunft und Glauben, zwi­schen rea­li­täts­be­zo­ge­nem und illu­si­ons­ge­steu­er­tem Denken gerech­net wer­den.

Denn welt­li­cher Humanismus sieht sich umstellt von reli­giö­sen – christ­li­chen, jüdi­schen und ver­stärkt in letz­ter Zeit isla­mi­schen – Kräften, die ver­su­chen, mit poli­ti­schen, juris­ti­schen, päd­ago­gi­schen und media­len Mitteln die Entfaltung einer alter­na­ti­ven Weltanschauung zu behin­dern, wenn nicht zu ver­hin­dern. Diese welt­an­schau­li­chen Konflikte gefähr­den in einer zuneh­mend mul­ti­welt­an­schau­li­chen Gesellschaft den sozia­len Frieden. Die Lösung kann vor­erst nur in einer lai­zis­ti­schen Gesellschaftsordnung bestehen, das heißt, in einer kon­se­quen­ten Trennung von Staat und Religion und in einer an der Erfahrung ori­en­tier­ten und kon­kre­ter defi­nier­ten Religionsfreiheit.

Mitmachen

Mitmachen

Aktionen

Veranstaltungen

Do 21

Humanistische Gespräche Rhein Main

Donnerstag, 21. Dezember 2017 | 19:30-22:00

Erfahren Sie mehr durch unsere Newsletter

Hier können Sie sich eintragen

UA-86470936-1