Humanismus: kann dieser
Begriff heute bestehen?

Evolutionärer Humanismus 
© Rolf Bergmeier  November 2017

Gedanken, die der Diskussion bedürfen

Im Laufe der Jahre hat sich der Begriff “Humanismus” ein wenig abgegriffen. Er musste für immer mehr Inhalte herhalten, die einzelne Vertreter ihm beimaßen. Seine Grundlage, ein idealisiertes Weltbild als Zielvorgabe, wurde dadurch ungenauer und es fehlt ihm vielleicht inzwischen die Kraft, für Eindeutigkeit und Orientierung zu stehen. Darüberhinaus muss der Begriff heute wohl auch weiter gefasst werden. Zu diesem Thema, welches kontrovers diskutiert werden muss, hat uns Rolf Bergmeier (gbs-Beirat) eine Diskussionsgrundlage geliefert, die wir hiermit zur Diskussion stellen möchten.


1.  Julian Huxley, der „Erfinder“ des Begriffes, sieht den Menschen als das höchste Produkt der Evolution, fähig, „diese zu kontrollieren und voranzutreiben“. Dabei wird die „vom Menschen kontrollierte Evolution“ offensichtlich als ein Prozess verstanden, der dem Menschen dient und im moralphilosophischen Sinne „Gutes“ bewirkt. Aber „Evolution“ kennt kein „gut“ oder „schlecht“. Evolution ist schlicht ein von der Evolutionsbiologie besetzter Begriff, der ohne jeglichen Versuch einer moralischen Determination die Veränderung von Erbmerkmalen erklärt. Diese kann zu „Ausschuss“ oder zu „Fortschritten“ führen. Wobei beide Begriffe hinterfragt werden müssten. Dazu reicht aber dieser Raum nicht.

2.  Wird der Begriff der „Evolution“ auf die Lebensweise der Menschen oder auf die uns umgebende Technik übertragen, so wird erst recht deutlich, dass „Ent-
wicklung“ vielfach in Sackgassen landet und „Evolution“ häufig für ein friedliches Zusammenleben der Menschen schädlich ist.

3.  Im Begriff des „evolutionären Humanismus“ wird „evolutionär“ als Adjektiv zum Nomen „Humanismus“ gebraucht. „Evolutionärer“ Humanismus ist also bestenfalls eine Spielart des Humanismus. Da sich alles auf dieser Erde 

entwickelt, in welche Richtung auch immer, ist das Adjektiv „evolutionär“ ohne Aussagekraft und „evolutionärer Humanismus“ semantisch eine aufgeblasene Begriffshülle. Will man darstellen, dass sich der Humanismus im Rahmen der Evolution entwickelt, dann wird der Humanismus als Wertvorstellung entwertet, da die Evolution keinerlei Moral folgt, sich nicht um „gut“ oder „schlecht“ schert.

4.  Tatsächlich wird der Mensch von Kräften kontrolliert, die außerhalb seines Einflussvermögens liegen und die häufig negativ im Sinne des friedlichen Zusammenlebens oder der Fortentwicklung der Natur, inkl. des Menschen, zu bewerten sind. Triebhaftigkeit und Schicksale bestimmen sein Leben. „Humanismus“ fabuliert aber nur über die schöne Seite des Menschseins und schließt die enorme Wirkungskraft dieser überlegenen Kräfte aus. Der Begriff verführt damit zu einer unrealistischen Überbetonung des “edlen“ Menschen. Goethe hatte in diesem Sinne noch formuliert „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen ... Unermüdet schaff er das Nützliche, Rechte. Sei uns ein Vorbild jener geahneten Wesen!“. Nach zwei Weltkriegen, Atomwaffen und erfolgreichen Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen wissen wir, dass Goethe sich irrte, als er annahm, der Mensch schaffe das Nützliche und Rechte.

5.  Der Begriff führt zudem zu einer Uferlosigkeit der zu behandelnden Themen, da eigentlich alle Lebenserscheinungen in irgendeiner Form „evolutionär“ sind. Zwangsläufig ist das Themenspektrum der Giordano Bruno Stiftung damit breit geworden, ohne an Tiefe zu gewinnen.

6.  „Humanismus“ mit dem Ziel, zu einer „bestmöglichen individuellen Persönlichkeitsentfaltung“ zu gelangen, greift mittlerweile zu kurz. Mit der Betonung des „Humanismus“ als Leitethik landet man ungewollt wieder bei der „Krone der Schöpfung“. Der Begriff stammt aus einer Zeit, in der der Mensch als Mittelpunkt des Universums begriffen worden ist („Macht Euch die Erde untertan“) und übernimmt damit überholte Wertvorstellungen. Tatsächlich geht es nicht mehr nur um eine „bessere Existenzform“ der Menschheit, sondern um die Überlebensfähigkeit der Erde. 

Es geht damit um alle Lebewesen und um die „Natur“, wie immer man sie definieren will. Diese Dimensionen deckt der auf den Menschen fokussierte Begriff „Humanismus“ nicht ab. Humanismus ist Nabelschau und kann nur Teil eines übergeordneten Begriffes und übergeordneter Wertvorstellungen sein.

7.  Was die Welt braucht, ist mehr als Humanismus. Wir brauchen eine Ethik des Diesseits, die die Erde als Ganzes betrachtet und den Blick nicht auf den Menschen verengt. Eine Ethik, die den Menschen als Teil der Natur abbildet und nicht als „Krone der Schöpfung“. Die die schrankenlose Vermehrung der Spezies Mensch als Ursache weltweiter Katastrophen beschreibt. Eine Ethik, die sich mit der Verwüstung der Erde und dem Bankrott des Tierschutzes beschäftigt, die die unanständige Bereicherung Einzelner geißelt und Konsumverzicht als eine Lösung vorlebt, an der Katastrophe vorbeizuschlittern. Wir brauchen eine Ethik der Erde, die mehr im Auge hat, als der von Theologen durchlöcherte Deutsche Ethikrat, der „die ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen für Individuum und Gesellschaft (!) auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften und ihrer Anwendung auf den Menschen“ (!) bewerten soll. Diese Ethik ist Ethik von gestern, die nicht wahrhaben will, dass die Erde im Sterben liegt, weil sich alles dem Menschen unterzuordnen hat. Ethisches Denken muss sich heute zuallererst weltweit orientieren und fragen, was getan werden muss, um das Ressourcen vernichtende und Umwelt vergiftende Wachstum der Menschheit zu begrenzen.

8.  Der Begriff, der eine moderne Ethik beschreiben kann, heißt Nachhaltigkeit. Humanismus muss sich in diesen übergeordneten Begriff einordnen.

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